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Mein Elternhaus

Mein Elternhaus ist ein Diskussionsworkshop, den ich kürzlich in meinen Klassen aufgenommen habe. Mein Ziel ist es, zu unterstützen, verstehen, Ideen und Erfahrungen auszutauschen, um unseren Eltern zu helfen, bis ins hohe Alter glücklich zu leben. Es wird oft gesagt, dass man einen alten Baum nicht umpflanzen kann. Nun, ich denke das es möglich ist und manchmal gibt es auch keine andere Wahl. Wir müssen nur sanft sein und etwas von dem alten Boden mitbringen und ja, es gibt wunderbare Möglichkeiten, dass es funktionieren kann. Man sollte die Fähigkeit der Älteren zu lernen und fortzufahren, nicht unterschätzen. Stattdessen wäre es besser ihnen zu helfen, Dinge loszulassen, die ihnen nicht dienen, und ein einfaches und neues Leben anzufangen.

Natürlich denke ich hier an meine eigenen Eltern. Mein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben und meine Mutter beginnt mit altersbedingten Problemen zu kämpfen. Sie ist in den Achtzigern und hat sich mit einem netten Mann in ihrem Alter zusammengetan. Sie führt noch ihren ganzen Haushalt und erfreut sie sich an einem großen Blumen- und Gemüsegarten, aber gleichzeitig schmerzt ihr Körper von der Arbeit.

Sie sollte sich von mir helfen lassen, einen Gärtner und eine Putzfrau zu finden, nur um ihre Arbeitsbelastung zu verringern. Sie weigert sich, meine finanzielle Unterstützung in Anspruch zu nehmen und kämpft weiter, bis der Tag kommt und sie es nicht mehr kann. Dann müssen wir alle schnell handeln und ich bin mir nicht sicher, ob das ein sanftes Umpflanzen sein kann…

In der Zwischenzeit spricht niemand darüber. Meine Mutter hält an der Vorstellung fest, dass alles so weitergehen wird, wie bisher, und dass sie zu Hause einen plötzlichen Tod haben wird. Meine Schwester hat vor langer Zeit aufgehört, mit mir zu kommunizieren, und während ich auf einem anderen Kontinent gelebt habe, hat sie dafür gesorgt, dass sie die Vollmacht hat, allein für meine Mutter zu handeln. Ihre Absichten sind nicht die gleichen wie meine. Meine Mutter ist bei dieser Entscheidung nicht unschuldig und nicht unbedingt die Mutter, die sie sein möchte, aber sie handelte aus Angst, nicht versorgt zu werden, denn meine Schwester machte ihr klar das sie nicht möchte, das ich ein Mitspracherecht habe, oder sie würde sich nicht um sie kümmern. Die Entschlossenheit, mich auszuschließen, spaltete die Familie noch weiter und brachte eine ganze Menge anderer Probleme mit sich. Jetzt, da ich wieder nach Hause ziehe, bin ich mit einer kaputten Familie konfrontiert.

Ich denke, es gibt viele kaputte Familien, und das macht es noch schwieriger, eine Lösung zu finden. In unserem Fall gibt es sehr viele unausgesprochene Probleme und einen großen Mangel an Ehrlichkeit und noch größeren Egos. Meine Mutter hat heftige Wutausbrüche und hat uns geschlagen. Ich weiß, dass meine ältere Schwester viel mehr davon hatte, als sie klein war. Meine Mutter sagte, meine Schwester war ein sehr schwieriges Kind, nicht so wie ich – weder eine nette Bemerkung noch eine Entschuldigung. Irgendwann wurde meine Schwester zu einem Therapieplatz gebracht, nicht genau sicher, wofür und warum; niemand spricht wirklich darüber und es war vor meiner Geburt, aber anscheinend war es für meine Schwester sehr schmerzhaft. Nach meiner Geburt mochte meine Schwester mich nicht und das hat sich bis heute nicht geändert. Vielleicht hat sie das Gefühl, dass ich es leichter hatte – wer weiß, sie hat es mir nie erzählt. Könnte sein, dass ich es problemloser hatte, aber meine Mutter hat mich auch verletzt und mir große Angst eingejagt. Bis heute hat sie ihre Wutattacken und danach sagt sie einfach das sie es nicht so gemeint hat. Das glaube ich ihr sogar. Ich verstehe, dass sie eine schmerzhafte Kindheit hatte, als sie mit einem missbräuchlichen Vater aufwuchs, der seine Probleme mit Alkohol betäubte. Sie hatte keine Mutter, nur fünf ältere Geschwister und das alles während des Krieges. Es gab viel Angst, hungrige Leiber  und nicht viel mehr. Daher habe ich nicht viel zu meckern, denn zum Glück hat alles für mich geklappt und andere sind viel schlechter dran. Auf der gleichen Seite musste ich darauf achten, dass sich dies nicht in meinem Leben wiederholt…

Meine Schwester heiratete ihre erste Liebe und zog sehr früh aus und bekam vier Kinder von drei verschiedenen Männern. Alle diese Jahre waren eine Katastrophe und ihr erster Ehemann versuchte Sex mit mir zu haben. Er fing an, mich zu berühren, obwohl ich nicht berührt werden wollte und ich war gerade erst zwölf Jahre alt. Mir wurde von meiner Schwester gesagt, dass es meine eigene Schuld sei. Mein Vater, meine Mutter und meine Schwester haben einfach darüber hinweggesehen. Das Drama in der Familie geht weiter, als eine meiner Nichten herausfindet, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater ist. Nur eine andere Geschichte, von der gehofft wurde, dass sie für immer übersehen wird. Ich wurde dafür verantwortlich gemacht, das Geheimnis gelüftet zu haben, aber ich war es nicht. Danach wurde ich beschuldigt, meiner Nichte gesagt zu haben, wer ihr Vater ist. Zu diesem Zeitpunkt war sie 20 Jahre alt und erfuhr schockiert, dass sie ein unerwünschtes Baby war das abgetrieben werden sollte. Glücklicherweise war meine Schwester schon zu weit mit der Schwangerschaft und selbst eine Klinik ausserhalb Deutschlands konnte diesen Eingriff nicht mehr vornehmen. Wissen Sie, wenn Sie Familiengeheimnisse haben und nicht darüber gesprochen wird, sind sie trotzdem immer noch da und werden untergründig auch gefühlt und erlebt. Egal wie schmerzhaft sie sind, man darf sie nicht ignorieren, denn der Schmerz bleibt und wächst und das Schlimmste: Sie dürfen nicht darüber reden.

Kurz danach verstarb mein Vater und die ganze Familie brach auseinander. Körperlicher und sexueller Missbrauch, eine uneheliche Nichte und einiges mehr wird immer noch geheim gehalten. Auch wenn wir wissen, was in der Familie vor sich geht, betrifft es niemanden und wenn ich nicht wäre, würde es längst vergessen und geheilt sein- das bekomme ich des öfteren zu hören. Die Wahrheit ist, wenn die Familie aufhören würde, so zu tun, als ob wir die perfekte Familie wären, und damit umgehen würde, könnte es heilen! Depressionen und Selbstmord finden sich nicht nur in der Familie meines ersten Schwagers, sondern jedermanns Gefühle haben den einfachen Bedarf beachtet und gepflegt zu werden; genau wie wir auch unseren Körper pflegen braucht auch die Seele Streicheleinheiten. Und wieder neigen wir dazu, ein Problem, das nicht greifbar ist, einfacherhalber zu übersehen-  psychische Schmerzen werden eh oft als Schwäche empfunden.

Als Eltern sollten wir immer alles daran setzen unsere Familien nicht zu zerstöhren. Dies braucht viel Klarheit, Ehrlichkeit, Bewusstsein, Kraft und ein gutes Herz. Es kann schwierig sein, sich zu verändern und diesen letzten Schritt zu machen, gerade wenn man eine nicht funktionierende Familie hat.

Ich kann das für meine Mutter nicht reparieren. Sie ist überzeugt, dass sie nichts falsch gemacht hat. Die Tatsache allein, keine Verantwortung zu übernehmen  und anderen die Schuld zuzuweisen, ohne aktiv an der Behebung des Problems zu arbeiten, wird diese Familie nicht wiederherstellen. Meine Mutter und meine Schwester setzen auf Ausklammern. Ignoranz ist auf lange Sicht nie eine Antwort – weder für meine Mutter, meine Familie, mich selbst noch für irgendjemanden anderen. Die Hoffnung auf einen friedlichen Tod und keine Veränderungen ist wünschenswert, kann aber anders kommen. Wer weiß? Warten Sie nicht, bis es zu spät ist, über Ihre Wünsche nachzudenken und warten Sie nicht, bis Sie auf Ihrem Sterbebett liegen, um familiäre Probleme zu lösen.

In einer perfekten Situation sollte es ein Akt der Familienbeteiligung sein, der den Eltern hilft, weiterzumachen. Abgesehen davon, dass die Familie das richtige Umfeld findet, um ein neues Zuhause zu schaffen, sollten alle an der selben Schnur ziehen. Enkel und Urenkel sollten einbezogen werden und lernen, dass es zum Leben gehört, alt zu werden und zu sterben. Das Elternhaus sollte respektvoll entrümpelt werden. Man sollte nur was geliebt und gebraucht wird behalten, alles andere verkaufen oder verschenken, und was eine zweite Chance bekommen könnte, up-cyclen, recyclen oder weg werfen.

Zum Schluss vergessen Sie nicht die Leidenschaften und Hobbys Ihrer Eltern und bringen Sie ihnen etwas Neues bei! Ein wunderbares Beispiel ist eine meiner Nachbarn, die näher zu ihrer Tochter gezogen ist. Die ganze Familie war beteiligt, um ihr zu helfen, sich in ihrem neuen, schönen, aber einfachen Zuhause niederzulassen und ihre Habseligkeiten im alten Haus auszusortieren. Sie lernte, wie man Kochrezepte im Internet findet und kocht fabelhafte Mahlzeiten und engagiert sich jetzt aktiv in der Küche eines Flüchtlingslagers. Die Reise ist das Ziel!

Nach jahrelanger harter Arbeit und der langen Zeit, in der ich nicht einmal verstand, worauf und warum ich auf eine bestimmte Weise reagierte, kommt mein eigenes Bild endlich zusammen. Ich bin immer entschlossen, Dinge mit meinen Kindern und meinem Mann herauszufinden. Wenn ich mich als falsch  empfinde, gehen alle möglichen Alarmglocken in meinem Kopf an und ich achte besonders darauf, das Richtige zu tun und nicht in die Fußstapfen meiner Eltern zu treten. Ich habe meiner Mutter vergeben, werde mich aber nie wieder von ihr verletzen lassen. Meine Tür steht meiner Schwester immer offen und ich spüre ihre Frustration. Ich bin traurig, dass ich nicht die perfekte Familie hatte und ich stelle mir oft vor, wie anders es hätte sein können, aber es ist das, was es ist und es könnte viel schlimmer sein. Ich versuche, meinen Kindern das Leben zu ermöglichen das sie glücklich macht und weiß, wie herausfordernd es ist Mutter zu sein. Als ich 19 Jahre alt war, zog ich von zu Hause aus und gründete aber meine eigene Familie erst als ich viel älter war. Ich hatte immer ein Interesse an Beziehungen, die sich sehr von meiner Familie unterschieden. Vielleicht ist das der Grund, warum ich einen Ausländer geheiratet habe und oft und weit weggezogen bin. Jetzt ist es aber an der Zeit nach Hause zurückzukehren.

Trotzdem und vielleicht auch gerade deshalb, dass wir alle eine eigene, persönliche Geschichte haben, glaube ich, dass wir alle zu meinen Workshops beitragen können, denn jeder kommt mal an dem Punkt an, um das Haus und das Leben seiner Eltern oder sein eigenes, neu zu organisieren! Das Thema Älter werden und trotzdem sein Leben genießen, sollte nicht ungeplant bleiben!

Ich bin in einem Alter, wenn mir jemand sagt das ich Socken tragen soll, das ich das nicht muss – Albert Einstein

Anbei ein paar alternative Wohntipps:

FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V. 

Neue Wohnformen

Wohnungsprojekte

und die Broschüre vom BMFSFJ “länger zuhause leben”

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